Gabriela Buff, Photography

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AZ Schaffhausen, Juli 2018

Gabriela Buff und das kleine Wunder von Hallau
Die Hallauer Fotografin Gabriela Buff zeigt im Vebikus Werke, die einen vermeintlich düsteren Blick auf die Welt zeigen. Von einer drohenden Apokalypse will die frühere SP-Gemeinderätin aber nichts wissen.
Grelles weisses Licht fällt auf den dunklen Gang. Es spiegelt sich im Boden wie die Sonne auf der Wasseroberfläche eines Flusses. Langsam schreitet ein Mann aus dem Licht. Nur seine Umrisse sind zu erkennen. Er hält kurz inne, geht in die Hocke. Denkt er nach? Soll er weitergehen? Soll er umdrehen? Dann bewegt er sich wieder, dem Zuschauer und der Dunkel¬heit entgegen.
Je näher der Mann kommt, desto bedrohlicher wirkt die Szenerie. So, als würde der Tatort-Regisseur dem Zuschauer zeigen: Das ist der Mörder auf dem Weg zu seinem Opfer. Im Kopf spielt unruhige Musik. Nervenkitzel. Und dann ist es vorbei.
Der Blick schweift weg, fällt von den neun Fotografien ab, die den Weg des unheimlichen Mannes festhalten, und schwenkt hinüber zur anderen Wand in der Vebikus Kunsthalle.
Weitere Fotografien. Sie zeigen: eine kleine Puppe am Boden, im Dreck. Verloren gegangen. Zuhause weint ein kleines Mädchen.
Daneben: ein Volleyballfeld, ein Fuss¬ballplatz, ein Tischtennistisch. Weit und breit keine Menschenseele, nur noch die Spuren, die sie hinterlassen haben. Das Volleyballnetz hängt tief herunter. Die Fussballtore sind aneinandergekettet und abgeschlossen. Blätter auf dem Tischtennistisch.
Es hat sich ausgespielt. Game over.
Das kleine Wunder
Zwei Tage später in Hallau. Fotografin Gabriela Buff lächelt vom oberen Ende der Treppe herunter und führt die Besucher in ihre Wohnung. Sofort wird man von einer kreativen Aura erfasst.
Die Wohnung, über vier Stockwerke hinweg, sprüht vor Kunst und Kultur. An den Wänden hängen grosse Gemälde und ein paar Fotografien, dazwischen kleine Skulpturen. Ein Stockwerk weiter oben: ein kleines Fotostudio, Bücherregale, alte Holzbalken. Draussen ein langgezogener Garten, Blumen, ein Teich, Schilf. Hier leben Gabriela Buff und Marc Roy, beide künstlerisch tätig.
«Das ist unsere kleine Oase», sagt Gabi Buff. Seit 20 Jahren lebt sie in Hallau. Einst in Winterthur geboren, kam sie über Osterfingen in die «Hauptstadt» (Buff) des Klettgaus. Acht Jahre später, 2006, wurde sie bereits in den Gemeinderat gewählt. «Das war ein Wunder. Ich, als geschiedene, alleinerziehende Mutter, in wilder Ehe lebend, als linke Politikerin, zur Hälfte Italienerin, wurde gewählt.»
Zum Vergleich: Ein Jahr später, bei den Nationalratswahlen 2007, stimmten 52 Prozent der Hallauer für Kandidaten der SVP.
Sieben Jahre war Gabriela Buff Gemeinderätin. «Die Hallauer haben respektiert, dass ich mich für die Gemeinde eingesetzt habe. Sie haben mich nie spüren lassen, dass ich keine von ihnen bin», sagt die Zugezogene.
Es war die Zeit, als die Kunst und die Fotografie zu kurz kamen. Dabei hatte Gabriela Buff bereits mit zehn Jahren ihre erste kleine Kamera geschenkt bekommen. Später machte sie beim SRF die Ausbildung zur Bildtechnikerin. «Ich lernte das Handwerk und alles über Optik und Elektronik», sagt Buff.
Nach der Geburt ihrer Kinder war eine Karriere beim SRF aber nicht mehr möglich. «Die Arbeit beim Fernsehen in der Technik war ein Schichtbetrieb. Da kann man nicht sagen, ich will dann arbeiten und dann nicht. Mit der Familie war das nicht vereinbar. Ausserdem spürte ich: Nein, das ist nicht meins.»
Abschied aus der Politik
Buff entschied sich, Soziale Arbeit zu studieren. Heute arbeitet sie bei der Kindes-und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Die Politik überlässt sie mittlerweile mehr oder weniger sich selbst, oder ihrem Mann, der sich derzeit im Wahlkampf um einen Sitz im Hallauer Gemeinderat befindet. Es hätte auch anders kommen können. Aber zum grossen Wunder kam es nicht: Die SP-Basis entschied vor einem Jahr, Buff nicht in den Wahlkampf gegen Cornelia Stamm Hurter zu schicken. Buff ist darüber nicht gefrustet. Die Kandidatur hatte sie nicht selbst gesucht. Und es sei klar gewesen, dass die SP gegen die SVP keine Chance hatte, sagt Buff. Dennoch: Einen Wahlkampf mit linken Themen, den hätte sie gerne geführt.
Auch «Klar! Schaffhausen», die Organisation, die sich gegen ein Atommüllend¬lager im Kanton wehrte und von Buff angeführt wurde, ist inzwischen aufgelöst worden.
Und trotzdem: Ganz zur Ruhe kommt die Politik nicht, sie schimmert auch in den Fotografien von Gabriela Buff durch. «Marc sagte, bei mir sehe man den Moralinfinger», sagt Buff und lacht. «Vielleicht muss das so sein. Wir Linken müssen hin und wieder den Zeigefinger heben.»
Der andere Blickwinkel
Dafür hat sie nun mehr Zeit für die Kunst. 2013 entstand die Fotoserie «Game over», die die anfangs erwähnten Fussballtore, den Tischtennistisch und das Volleyballnetz zeigen. Die Fotografien sind fast gänzlich in Grautönen gehalten. Nur noch ein Hauch von Grün lässt erahnen, dass es dereinst Orte waren, die von Menschen belebt wurden. Jetzt sind sie verlassen. «Wenn nichts mehr geschieht, wenn das Spiel fertig ist, die Natur kaputt gemacht, die Ressourcen aufgebraucht… dann bleiben nur noch Spuren von Farben», sagt die Fotografin.
Von apokalyptischer Stimmung will Buff aber nichts wissen: «Ich bin ein sehr positiver Mensch.»
Zurück zum gespenstischen Mann, der aus dem Licht in die Dunkelheit geht. Aber, Moment: Stimmt das überhaupt? Was, wenn man den Blickwinkel ändert, von unten rechts nach oben links schaut? Kopfkino an: das Gegenteil. Der Mann kommt aus der dunklen Gasse, schreitet langsam dem Licht am Ende des Ganges entgegen. Kurz vor dem Ziel hält er inne. Aus Erschöpfung? Eine kurze Pause vor dem letzten Schritt? Hinter sich ein dunkler, steiniger Weg. Er steht wieder auf, verschwindet im grell-weissen Licht. Im Hintergrund erklingt fröhliche Musik. Und dann ist es vorbei.

Jimmy Sauter

SCHAFFHAUSER magazin 4 / 2015

Die Kunst des Sehens

Im Juni dieses Jahres präsentierten Marc Roy und Gabriela Buff im Thaynger Kulturzentrum «Sternen» erstmals eine gemeinsame Ausstellung. Sie, die Fotografin, er, der Maler: ein Künstlerpaar aus Hallau. Eine Annäherung an zwei besondere Menschen – und ein wenig auch an die Kunst des Sehens.

Wissen Sie, Künstler sind nicht «andere» Menschen. Sie sind in aller individuellen Differenziertheit wie du und ich. Vielleicht sindsie besondere Menschen, was allerdings kein zwingendes Erkennungsmerkmal ist, und auf jeden Fall sind sie mit ihren spezifischen Fähigkeiten zum Künstlertum geboren. So lässt sich das vielleicht ausdrücken. Und das, mit Verlaub, ist sowohl eine wunderbare Gabe als auch möglicherweise eine Last. «Ich kann nicht anders», sagt Gabriela Buff. Und Marc Roy hat entgegen seiner Natur sogar bewusst den Verzicht geübt: «Ich habe drei Monate lang versucht, nicht zu malen – und war unausstehlich.» Kommandiert von den Genen, getrieben vom Wollen, unterjocht von der Wucht der Schaffenskraft? Was auch immer die Ursachen ihres Tuns sein mögen, sie können nicht anders. Das heisst, ein wenig natürlich schon. Gabriela Buff, die Fotografin, ist ausgebildete Bildtechnikerin und Sozialarbeiterin und arbeitet Teilzeit bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde in Schaffhausen, Marc Roy ist ausgebildeter Pflegefachmann, war in etlichen Berufen und Tätigkeiten zu Hause und ist in Zürich in einem Teilzeitpensum in der niederschwelligen Drogenarbeit tätig. Es sind wichtige, von mitmenschlichem Engagement geprägte Tätigkeiten, die von einer sozial geprägten Haltung der beiden künden. Aber davon soll jetzt nicht die Rede sein, obschon das Thema, gesättigt vom politischen Hintergrund, selbstverständlich nicht ohne Reiz ist.
Buff und Roy sind nämlich «pointiert links» und denken damit nicht im Gleichschritt mit der Mehrheit im ländlichen und SVP-geprägten Hallau. Als Aussenseiter fühlen sie sich allerdings nicht, im Gegenteil: Die 1959 in Winterthur geborene Gabriela Buff und der mit Jahrgang 1965 aus Zürich stammende Marc Roy empfinden sogar Heimatgefühle für ihre Wahlheimat. Hier sind sie zu Hause, inzwischen sogar verwurzelt, hier finden sie inspirierende Kraft – und wo Heimat ist, ist natürlich Verbundenheit. Sie engagieren sich für das Dorf, waren aktiv beim öffentlichen Geschehen, arbeiteten für Veranstaltungen, für Bundesfeiern, für das Gemeinwesen. Gabriela Buff sogar auch als Gemeinderätin. Die Hallauerinnen und Hallauer wiederum interessieren sich dafür, was «ihre Künstler» tun (weder Buff noch Roy übrigens verwenden je die Bezeichnung Künstler: Sie sei Fotografin, sagt sie, er bezeichnet sich lediglich als Maler, basta). Bei einer Ausstellung im Dorf kamen sie in Scharen. Und auch das zeigt eigentlich eindrücklich – auf das Künstlerleben bezogen – die Bodenhaftung. Gabriela Buff und Marc Roy flanieren nicht in der Bohème, noch wohnen sie im Elfenbeinturm. Sie sind an der Hauptstrasse daheim.

Die Welt neu sehen
Inspiration, meint Buff, müsse zwar aus einem selbst kommen, aber gleichwohl ist für einen Geist, der Neues schafft, der Wohnort nicht gleichgültig. Wie könnte er auch. Das Hallauer Künstlerpaar pflegt schliesslich, was man die Kunst des Sehens nennen könnte.
Buff und Roy haben, auf eigene Weise, einen «besonderen Blick» auf die Dinge, die Umgebung, auf die Landschaft, die Menschen und erfüllen so ein Diktum und eine Definition des Künstlers des deutsch-französischen Schriftstellers René Schickele. «Künstler ist», meinte Schickele, «wer die Welt immer neu sieht wie zum ersten Mal und es vermag, dass auch andere so sehen.» Treffender lassen sich die Kunst des Sehens und deren Umsetzung bei Buff und Roy wahrscheinlich nicht umschreiben.
«Dinge sind nicht einfach schön oder hässlich oder langweilig oder interessant: Es gibt immer noch eine andere Seite», umschreibt Gabriela Buff ihre Art des Sehens. Und: «Alles hat die selbstverständliche Berechtigung, beachtet zu werden».
Nehmen wir ein Beispiel: «Dead end», das Sujet dieser mutmasslich in einer südlichen Stadt liegenden, in die Höhe strebenden Treppe. Wie verlockend wäre es, sie als eingängig-romantischesMotiv abzulichten mit einer bis zur Lieblichkeit schimmernden, vom Sonnenlicht durchtränkten Atmosphäre, wie verführerisch wäre es, hier den gelungenen «Schnappschuss» zu wagen, die touristenträchtige Idylle zu bannen und sich des präsenten Blicks zu rühmen. Nichts da, diesen Weg geht Buff nicht. Sie sieht hinter das Vordergründige, scheinbar Offensichtliche, und ihre Kunst des Sehens offenbart eine andere Welt, eine zum Beispiel, in der das Harmlos-Romantische sein ihm innewohnendes Dunkles preisgibt, gänzlich andere, aber ebenso reale Assoziationen sichtbar werden lässt. Dieses Treppenbild spricht hier (auch) von Abgründen des menschlichen Seins, von einer sowohl lieblichen wie verschlingenden Welt, eben: von der anderen Seite. Exemplarisch für das Wirken der Hallauer Fotografin sind ihre Aufnahmen von «Strukturen», die in Landschaften, in der Architektur, in menschengeschaffener Materie verborgen sind und von der Künstlerin ans Licht geholt werden. Oder in den sichtbar und scharf «gezeichneten» Schwarz-Weiss-Kontrasten. Im Laufe des Gesprächs fällt ein Satz, der mehr als jede Theorie auf den Kern der künstlerischen Arbeit von Gabriela Buff zielt: «Es gibt viele Menschen, die laufen durchs Leben wie ihre Schatten.» Und sie, sie zerrt sie hervor, die Schatten.
Ihre Bilder, bekam Gabriela Buff deshalb schon zu hören, seien «düster». Nun ist diese fröhliche Frau alles andere als ein Trauerkloss, aber die oberflächliche Verführung des Betrachters, das Nette und Niedliche, gehören eben nicht zum künstlerischen Konzept. In ihren Arbeiten, meint Buff, spielten auch die Themen Individuum, Gesellschaft oder Umwelt, «für sie elementare Eckwerte», mit, kurz: eine Haltung, welche die intensive Auseinandersetzung mit Thema und bildnerischer Erscheinung einschliesst. Zur wirklichen Kunst trägt nicht unwesentlich bei, dass der philosophische, der gleichsam interpretatorische Urgrund fast gänzlich verschwindet, alles Lehrhafte und Belehrende fehlt. Hier wird der Betrachter nicht eingeladen, ins Auditorium der Theorie einzutreten, sondern vor ein spannungsreiches, differenziertes Bild.
Es mag seltsam klingen, aber dieser Zugang führt wohl auch bei Marc Roy zur Annäherung an die Seele der Bilder. Er ist gewiss der melancholischere Teil dieses Künstlerpaares, in jedem Fall ein Nachdenker und lange Denkender, ohne dass da Pinsel und Farbe überhaupt schon in Griffweite wären. Das Werk muss reifen, unsichtbar, wahrscheinlich in einem grossen Teil auch unbewusst. Es ist die Phase, in der sich Roy mit «dem Thema» befasst. Und dann kommt die Tat hinzu, die Ausführung, gleichsam die Eruption des heiss gelaufenen Urgunds, wo sich der Gedanke zur Bildhaftigkeit verdichtet. Manche seiner Werke sind von elementarer Wucht, was keineswegs nur ein Verweis auf die Gewalt der Natur sein kann, sondern auch ein Beleg der Mal-Art. Aber dieser freundliche Herr Roy, der ein gewinnendes Wesen mit dem konturklaren Profil einer politisch-philosophischen Haltung kombiniert, ist alles andere als ein eindimensionaler Charakter. Was, und deshalb überhaupt gehen wir auch darauf ein, in seinen Werken durchaus zum Ausdruck kommt. Grossflächige Eindringlichkeit ist nämlich in vielen seiner Bilder harmonisch mit filigranen, zarten Elementen verbunden – da ist auch einer, der differenziertes Sehen mit einer vielgestaltigen Darstellung in Einklang bringt. Sagen wir es so: Die Welt ist nicht ganz so einfach, wie sie auf einen flüchtigen Blick erscheinen mag, und Buff und Roy sind zwei Menschen, die dies in ihren Werken exemplarisch zum Ausdruck bringen. Auch um den Preis, auf Widerstand zu stossen. Denn diesen Satz unterstreichen beide gleich zwei- oder dreifach: «Wir wollen nicht das Gefällige abbilden.»

Künstlerischer Freiraum
Den Fehler, Gabriela Buff und Marc Roy künstlerisch in einen Topf zu werfen, werden wir nicht tun. Gemeinsam bleibt indes die stete Suche nach dem Neuen, einer neuen Sicht, einer neuen Aussage. Und gemeinsam scheinen sie den nicht einfachen Weg zwischen künstlerischer Schaffenskraft und einem weitgehend harmonischen Leben in der Hallauer Gemeinschaft sehr erfolgreich zu meistern. Vielleicht, weil Nachteile manchmal auch Vorteile mit sich bringen. Die ökonomische Notwendigkeit, neben der Arbeit für die Kunst noch in «angestammten Berufen» arbeiten zu müssen, absorbiert zwar von der eigentlichen Bestimmung, wenn dieses Wort überhaupt erlaubt ist, ermöglicht allerdings auch Freiraum. Sie werden weiterhin ihren Weg ihres besonderen Sehens gehen. Und wir werden davon hören.

Jörg Riser